Hölle Halbe

 

 

Der Untergang der 9. Armee im Kessel von Halbe ist der traurige Schlussakkord der Schlacht um die Seelower Höhen. Zeitreise Seelower Höhen war jetzt dort mit einem Zeitzeugen unterwegs.

Diesmal ist es anders. Wir führen nicht; wir sind die Geführten. Direkt am Soldatenfriedhof Halbe treffen wir uns. Günther Lysk, Jahrgang 1928, kommt mit Freunden, die bei einer unserer Schlachtfeldtouren Seelower Höhen dabei waren. Sie wissen von unserer Zeitzeugenarbeit. Unser Guide für diesen Tag ist Torsten, Mitarbeiter bei einer privaten Kampfmittelräumfirma. Jeden Quadratmeter dieser Landschaft scheint er zu kennen, entweder, weil er ihn auf der Suche nach den Hinterlassenschaften des Krieges eigenhändig umgegraben hat. Oder er kennt jemanden, der das tat. Torsten überträgt die Erinnerungen des Veteranen auf die heutige Landkarte und fährt uns punktgenau zu den Stellen, die Günther Lysk 1945 passiert hat.

Fünf vor Zwölf an die Front

Am 14. April 1945 als Kriegsfreiwilliger eingezogen, kommt Günther Lysk in Berlin-Lichterfelde zur Musterung. Seine militärische Ausbildung erhält er in den drei Monaten zuvor, von Anfang Januar bis Anfang April beim Reichsarbeitsdienst in Wittstock/Dosse. „Das war hart. Die haben uns ganz schön geschliffen“ erinnert sich Lysk. Es bleibt die erste und letzte infanteristische Lehre für ihn. Mit diesem Wissen und diesen Fähigkeiten zieht er in den Krieg. Sein Weg in den Kessel von Halbe beginnt knapp 30 Kilometer nordöstlich davon. Lysks Regiment liegt in Spreenhagen. „Falke“ heißt der jüngste Verband der Waffen-SS und ist der letzte, den sie aufstellt. Der Neue hat den Auftrag, einen Verwundeten per Schubkarre zu einer Verbandsstelle an der Autobahn zu bringen. Nachdem er den Kameraden abliefert, wird er einer Korpsbegleitkompanie zugeteilt. Ausgerüstet mit Schützenpanzerwagen, ist diese Einheit auf dem Rückzug nach Westen. Bei Lübben gibt es Beschuss mit Artillerie und Fliegern. Den Neuling trifft es am Oberschenkel – Durchschuss. Damit ist die Begleitkompanie passé. Südlich der Autobahn von Berlin nach Frankfurt/Oder liegt er bei Friedersdorf zwei-drei Tage im Wald. Dort gibt es das zweite und letzte Mal warmes Essen auf Lysks Reise vom Krieg in den Frieden, Eintopf mit Erbsen und Speck. Von da ab wird es Brot geben und seltener, aber immerhin, „Frontkämpferpäckchen“, mit Schokolade, Keksen, Zigaretten. Für die Feldflasche gibt es Tee. Manchmal haben sie drei Tage lang gar nichts zu Essen. Ein Unteroffizier nimmt sich seiner an, Heinrich, im Zivilleben Jurist, kriegsverletzt. Bei einer Panzerschlacht im Kampf um Rschew schwer verwundet, verliert der Mann einen Arm. Bevor er auf den Teenager in der Waffen-SS-Uniform trifft, ist er Kompanieführer beim Volkssturm Frankfurt/Oder und kämpft östlich des Flusses.

Auf den Spuren von „Falke“

Der erste Ort, den wir aufsuchen, ist ein Waldstück nahe Hermsdorf. Hier stehen die für Brandenburg so typischen Kiefern wie ein Feld aus schlanken Säulen, Monokultur, von geradlinigen Wegen durchzogen. Wie Torsten zu berichten weiß, liegt an dieser Stelle 1945 der Stab des Regimentes Falke. Seine Handbewegungen markieren die Bereiche im Wald: unmittelbar daneben die Stäbe anderer Einheiten, auch von Konzentrationslagerpersonal. Wo wir auch hinschauen, sehen Wald und Waldboden gleich und gleichförmig aus. In den 1990er Jahren birgt das Areal viel Vergessenes. Im trockenen märkischen Sand finden die Kampfmittelräumer Dokumente, Erkennungsmarken, Schreibmaschinen. Trotz der langen Zeit sind viele Papiere lesbar, Akten aus Militär- und KZ-Bürokratie. Manches ist sorgsam vergraben, als sollte es bald wieder abgeholt werden, um erneut in Büros und Archiven zu stehen. Verstreut in diesem Waldgebiet gibt es überall 1- und 2-Mann-Stellungen, heute nur noch zu ahnen. Hier harrt das Strandgut des Krieges aus, wartend auf Befehle, die keiner mehr geben wird und hoffend auf ein Fortkommen. Wege in diese Richtung führen zum Fluss Dahme, eine natürliche Barriere von Süd nach Nord, mit nur wenigen Übergängen. Dort stauen sich die zurückweichenden Soldaten, die flüchtenden Zivilisten. Ihre Reihen und Kolonnen sind kilometerlang, aus Menschen, Fahrzeugen, Waffen, Fuhrwerken. Ein Großteil des Materials bleibt liegen. Wer sich auf den Straßen anstellt, um den Übergang zu passieren, der riskiert Beschuss aus der Luft. Wer unter den Bäumen ausharrt, kommt nicht voran, während der Feind unaufhaltsam näher rückt. Eine Decke hat Günther Lysk nicht, nur eine Zeltbahn. Das muss reichen gegen die immer noch kalten Nächte oder gegen Regen. Meist ist er so müde, dass ihm die Kälte egal ist, Hauptsache Schlafen. Er und der Unteroffizier sind so müde, dass sie an Ort und Stelle wegschlummern, sobald sie sich hinsetzen. Sind sie wach, dann versuchen sie, der „Falke“-Nachhut zu folgen. Nur ein Mal sieht Lysk einen von deren „Hetzern“, (die sind von der zugeteilten SS-Panzerjagdabteilung zbV 561, die mit Falke zusammenwirkt) die kompakten Jagdpanzer aus böhmischer Produktion. Den Anschluss schaffen die beiden nicht und müssen daher, auf sich gestellt, ohne den Schutz von solch schweren Waffen auskommen.

Begegnungen

Günther Lysk ist nicht lange in Halbe. Einhundert Meter von einem Gefechtsstand entfernt liegt er auf Posten. Ein Kamerad schläft dabei ein; Soldaten eines sowjetischen Stoßtrupps erschießen ihn in der Nacht. Sie müssen raus aus dem Ort. Er und andere harren aus im Wald nahe des Bahnhofs. In der Dämmerung wagen sie sich über die Gleise. Auf einem Platz, wo jetzt das großflächige Wahlplakat des Bundestagskandidaten der Linken steht, feuert damals eine deutsche Vierlings-Flak auf einer Halbkette. Hinter der Schule bilden die versprengten Soldaten kleine Gruppen und laufen über eine Wiese hinweg in den Wald. Bis Radeland läuft Günther Lysk weiter. Die erste Ortstrasse nach dem Wald, das erste Grundstück. Bis heute hat sich das nicht geändert. Damals ist der Hof verlassen. In der Einfahrt liegt ein toter sowjetischer Panzerfahrer, die Haube noch auf dem Kopf. Es ist der erste Kriegstote, den der 16jährige aus der Nähe sieht. Günther Lysk steigt auf der Suche nach Essbarem hinab in den Keller. Er verschlingt den Inhalt eines Einweckglases. Birnen, Aprikosen, Pfirsiche? Es ist süß und klebrig. Es ist das einzige, was da ist. Nach dem Ende der DDR kehrt er zurück und lädt die Frau, die hier lebt, zu einer Bootsfahrt auf dem Teupitzer See ein. Heute ist zwar auch schon ein Vierteljahrhundert vergangen, aber die alte Dame ist zu Hause und erinnert sich an den Mann und den Ausflug. Und vor allem erinnert sie sich an das Kriegsende und die schwere Zeit danach. Damals ist sie zehn Jahre alt, sechs Jahre jünger als Günther Lysk, der Soldat. Als der im Keller seinen Hunger stillt, ist ihre Familie im Wald versteckt und zuvor den Großteil ihrer Vorräte. Nach dem Kriegsende begraben sie 12 tote deutsche Soldaten, die mit Löchern im Genick daliegen. Ein Foto von dem Grab hat sie sofort zur Hand, als könnte jederzeit jemand danach fragen. Doch das passiert nicht. Wer will heute hören, was hier war, wie es hier aussah, wie die Besatzungszeit begann?

Panzertod im Kuschelwald

Bevor wir die Stelle aufsuchen, an der Günther Lysk auf ’seinen‘ T-34 traf, machen wir Halt am sowjetischen Ehrenfriedhof bei Baruth. Auf Steinpodesten stehend, flankieren zwei dieser Stahlkolosse den Eingang. Unweit nördlich biegen wir von der Bundesstraße ab in einen Waldweg. Torsten und Günther Lysk schätzen die zurückgelegte Entfernung und das Alter der Bäume. Lysk erinnert sich. Sie liegen damals in einem „Kuschelwald“, kleine Bäume, auf einer Anhöhe mit einer Kuhle voll von Verwundeten. Ketten- und Motorengeräusche künden das Nahen eines Panzers an. Der T-34 kommt von B96 her, alleine, vermutlich vorgeschickt von den anderen, die den Wald scheuen. „Die waren sehr, sehr vorsichtig.“ Der Panzer bleibt stehen, nichts passiert. Für Günther Lysk sieht das unschlüssig aus. Diesen Moment nutzt er, schleicht sich auf 15 Meter heran. Er will unbedingt treffen. Die sperrige Panzerfaust schleppt er seit Spreenhagen mit sich herum, genau dafür. Er tauscht sie nie ein und er gibt sie nie ab. Er weiß um ihre Wirkung. Jetzt feuert er damit aus dieser selbstmörderischen Entfernung. Er hat Glück. Der Panzer brennt, aber explodiert nicht. Nur einem Mann von der Besatzung gelingt das Ausbooten. Der Feuerstrahl der Panzerfaust verrät Lysks Position. Von der B96 her schießen sich die anderen T-34 auf die Stelle ein. Es ist der 29. oder der 30. April 1945. Wer hat hier noch so etwas wie einen Kalender? Die Antwort ist eine sowjetische Panzersprenggranate. Sie nimmt Günther Lysk den kleinen Finger, aber nicht das Leben. Es wird sein zweiter Verband. Der Jüngling muss nun schon recht zerzaust aussehen. „Die Russen haben die Straßen beherrscht, wir die Wälder.“ Kleine Siege wie dieser stärken den Glauben. Doch die Wälder um Halbe sind eine Insel; das Meer um sie herum ist die Rote Armee. Eine Nachhut mit zwei Generälen kommt vorbei, einer gibt ihm für den tollkühnen Abschuss das ‚Ekazwo‘. Viel mehr kann ein General jetzt nicht tun. Das Kreuz klaubt er aus einer Schachtel mit anderen Orden. Eine Verleihungsurkunde gibt es nicht. Staat und Bürokratie sind am Ende.

 

Brandenburger Odyssee

Über Tage schleichen sie kilometerweit durch die Wälder in Richtung Westen. Sie bewegen sich meist nachts und suchen tagsüber Schlaf in den „Kuscheln“. Ihr Durst ist groß; manche Feldflasche muss 4 Tage reichen. Das Wasser aus den Gräben trinken sie trotzdem nicht. Die Orientierung geht dem jungen Soldaten alsbald abhanden. „Ich wusste nie richtig, wo ich war.“ Der 16-jährige verlässt sich voll und ganz auf den Unteroffizier Heinrich: „Der hatte auch keine Karten, aber einen ungeheuren Instinkt.“ Den Jugendlichen hat der erfahrene Soldat offenbar ins Herz geschlossen. Nach ihrer Odyssee durch den Kessel von Halbe werden beide sich erst fünf Jahrzehnte später wiedersehen. Zwischen ihnen liegt das geteilte Deutschland. Ein Mal treffen sie im Wald auf einen Offizier, der ganz allein unterwegs ist, „mit einem Riesenrucksack und einem Gewehrgranatgerät auf dem Karabiner.“ Mit Erfahrung, Stärke und Vorräten schlägt es sich auch einzeln durch den Kessel. Wer kann in diesem Gewirr sagen, welches Risiko größer ist, die Allianz oder Einzelgängertum? Viele Soldaten sind verstreut, führerlos. Sie finden sich zusammen, um gemeinsam durchzubrechen und gehen danach wieder ihrer Wege. ‚Getrennt marschieren, vereint schlagen.‘ Laufen kann Günther Lysk. Das unterscheidet ihn von Hunderten, wenn nicht Tausenden Verwundeten im Halber Kessel. „Ich hab‘ Mut gehabt und wollte noch in Richtung Westen.“ Im Westen, an der Elbe, sind die amerikanischen Truppen, auf dem Weg dahin die sowjetische Umzingelung.

 

Weg in die Gefangenschaft

Irgendwo begegnet ihnen ein „Seydlitz-Mann“. Der fällt auf. Während die deutschen Soldaten übermüdet, unrasiert und ungewaschen durch die Wälder laufen, steht der Saboteur in viel zu perfekter Uniform vor Ihnen und will sie in die falsche Richtung lenken. Sie gehen ihren eigenen Weg. Nach dem Abschuss des T-34 und seiner zweiten Verwundung bewegen sich Lysk und Heinrich vier/fünf Tage lang in Richtung Jüterbog. Sie erreichen Scharfenbrück in der Nuthe-Niederung. Auch dort ist die Rote Armee. Günther Lysk will nicht in sowjetische Gefangenschaft. „Eher hätte ich mich getötet.“ Vor dem Ort legen sie sich in Deckung und beobachten: Die sowjetischen Soldaten sammeln die Gefangenen und erschießen sie nicht. Unteroffizier Heinrich fällt die Entscheidung: sich ergeben, hier und jetzt. Es ist höchste Zeit. Günther muss wegen Wundbrandgefahr endlich in medizinische Behandlung. Es ist ohnehin ein Wunder, dass ihm seine Verletzungen bislang keine größeren Probleme bereitet haben. Um das Lazarett in Trebbin hat die Rote Armee einen Zaun gebaut. Es gibt nur deutsche Sanitäter. Seine Verwundung am Bein hat Günther Lysk bis dahin lediglich mit Wasser ausgewischt.

 

Pferdeknecht und Sonnensucher

Im Lazarett kommt ein junge Frau zu ihm und trennt die Waffen-SS-Effekten von seiner Uniform ab. Sie sagt nicht viel dazu. „Ist besser so.“ Totenkopf und Runen auf dem Feldgrau könnten das Todesurteil sein, auch für einen so jungen Mann. Unteroffizier Heinrich bringt einen Eimer mit Grünzeug: Kohlrabiblätter. Günther Lysk mampft dankbar alles in sich rein. Sein Schutzengel schafft es auch, ihn auf die Liste zur Entlassung zu setzen. Für die Gefangenschaft ist er viel zu mager und zu malade. Arbeitsleistung ist von ihm nicht zu erwarten. Mit sowjetischem Entlassungsschein, zu Fuß oder auf Pferdewagen geht es nach Berlin, dann nach Neuenhagen. Es ist Ende August, kurz vor seinem 17. Geburtstag. Die Mutter sagt: „Bleib nicht hier; es ist nicht sicher.“ Er flieht in die Nähe von Neustrelitz zu Verwandten. Irgendwann passiert es. Ein Rotarmist hält ihn an und deutet auf die kleine Stelle am linken Ärmel seiner Uniformjacke. Sie ist dunkler als der Rest. Dort war der Reichsadler aufgenäht, anders als bei der Wehrmacht. „Du warst Faschist. Du wirst unsere Pferde putzen.“ Lysk soll für drei Jahre ins Pferdelazarett Hoppegarten. Nach einem halben Jahr kommt er samt Pferden in’s Erzgebirge, zur Wismut. Auch als er kein Kriegsgefangener mehr ist, bleibt er. „Ich wollte Geld verdienen.“ Das verdient sich unter Tage. Dort schürfen Tausende Männer Uranerz für das sowjetische Atomprogramm – „Sonnensucher“. Dass die Sowjetunion Weltmacht wird, hat auch damit zu tun. Günther Lysk ist bis zum Ende der DDR bei der Wismut. Seine Kriegserlebnisse arbeitet er seitdem auf.

T.Voigt

Bilderreihe

 
2017-11-25T12:48:44+00:00

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